Die Zukunft in der Vergangenheit

Die Zukunft in der Vergangenheit
Wenn Sie den Raum betreten, den Nicole für ihre Installation ausgewählt hat, erleben Sie den größten Kontrast, der in der Ausstellung zu finden ist. Sie steigen buchstäblich zwei Stufen zu einem sehr alten Eckraum ab, der sich noch im alten Gebäude befindet und vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt. Dieser Raum gehört nicht zu der modernen, neuen Halle, sondern bildet den Übergang zwischen Altbau und Zukunft. Die Frage ist, ob es weiter bestehen wird. Der Raum ist intim und hat etwas von einer alten Klosterzelle, mit einem romanischen, hohen Fenster in der Mauer zwischen das alte und neue Gebäude. Gerade diesen Raum wählte die Künstlerin für ihre Installation, die mit den neuesten Medien gebaut wurde: Computer, Beamer, programmierbare Software und Audiogeräte. Die Zukunft hat sich in der Vergangenheit genistet.

An der Decke hängt eine geniale Konstruktion aus Eisendrähten, die in einer Gitter hängen, alle auf gleicher Höhe, also alle unterschiedlich lang, weil die äußeren Drähte einen größeren Abstand zum Inneren der Installation haben, als die inneren. Ein bunter Film bewegt sich an der Wand. Man erkennt, dass es sich um Objekte handelt, die aber so verarbeitet werden, dass sie kaum mehr zu erkennen sind. In der Tat sind sie zeitgenössische Aufnahmen von allen möglichen Orten im Kloster. Wenn ein Zuschauer diesen Film betrachtet, steht er im projizierten Bild wie ein großer Schatten. Also stört er das Video, aber der Ton bleibt ungestört.

Jetzt kann der Betrachter zwei Drähte greifen und bemerken, dass wenn er es macht, das Bild springt. Überrascht schnappt er sich zwei weitere Drähte und wieder springt der Film zu einem anderen Teil. Und noch zwei Drähte und noch zwei. Jedes Mal stellt er sich selber als der Knopf heraus, der das Video verändert. Dies wird in zeitgenössischer Sprache genannt: Interaktivität.
Die Installation ist nicht mehr nur zu sehen, es ist nicht mehr der Regisseur, der den Betrachter an der Hand durch die Geschichte führt, nein, der Betrachter interveniert, so oft er will.

Nicole opbouwAuf dem Foto sieht man, wie Linn, eine Holländerin von sechs Jahren, auf den Prozess aufmerksam wird und beginnt, sie selbst zu senden. Sie hat verstanden, dass dies ein Spiel ist, in dem sie selbst spielt. Die Vergangenheit manifestiert sich in der Zukunft, fragmentiert in den Händen des spielenden Zuschauers.
In dieser bescheidenen, aber raffinierten Installation, die die Van den Broek-Nolte-Stiftung gerne gekauft hat, gibt es noch mehr zu entdecken und zu erleben. Könnten wir nur dort sein, wenn in zehn oder fünfzehn Jahren die Installation von nun vond den Jugendlichen dann angesehen wird. Was für eine glück das wäre. In der Zwischenzeit hoffen wir, dass Sie es genauso genießen werden wie wir und dass die Installation Ihren Besuch in unserer Ausstellung mehr als lohnenswert macht. Natürlich können Sie die Arbeit des Künstlers auf ihrer Website verfolgen: https://voec.itch.io/
(JD Sept 2018)

"Teilchen/Teile". / "Originaltext der Künstler*in"

»In einer wichtigen Hinsicht ist Berührung ein vorrangiges Anliegen der Physik. Ihre gesamte Geschichte kann verstanden werde als ein Bemühen darum, zu formulieren, was Berührung beinhaltet. Wie spüren Teilchen einander?«

»Sich selbst zu berühren oder von sich selbst berührt zu werden (…) ist offensichtlich nicht nur beunruhigend, sondern auch ein moralischer Verstoß, der Ursprung der ganzen Problematik.« Auszüge aus Karen Barad’s »Berühren – Das Nicht-Menschliche, das ich also bin (V.1.1)«

»Teilchen/Teile« behandelt das verschwommenen Feld der Intra-aktion. Also das miteinander und ineinander Agieren. Zu sehen sind brüchige, digitale Abbildungen des ehemaligen Klosters und der Umgebung. Fundstücke und Architektur in einer Masse miteinander verschmolzen. Als Zugangspunkt zu dieser Narrative dienen 48 Eisenfäden, die über eine Schaltung mit der digitalen Projektion verbunden sind, in Erwartung diese zu steuern und zu verändern. Erst durch die Berührung mit dem Körper der Betrachter*in wird der Kreislauf geschlossen. Das Signal fließt durch die Elektronen des Eisens und durch den Körper, formt und rekonfiguriert die Objekte in der Projektion.

Eine Skulptur mit der Sehnsucht, dass sie angefasst und in neue Konstellationen gebracht wird. So immer wieder neu mit der Betrachter*in erzeugt wird. Ein intimster Austausch mit dem Material.