31.03.2014 von: Jeroen Damen

Christina von Bitter schafft Skulpturen aus Papier. Für die Auftaktausstellung schlägt sie eine Arbeit vor, die ihrer Meinung nach derjenigen auf Seite 145 aus ihrem Werke-Katalog ähnelt, mit dem Titel „Cherubim". Zugleich schlägt sie vor, sie etwas zu verkleinern, und legt ein Foto einer anderen Arbeit bei, die sich ihrer Meinung nach ebenfalls sehr gut eignen würde (Titel folgt, hier: „Vorschlag").
Worauf es nun ankommt, ist das Betrachten. Betrachten bedeutet Sprache gebrauchen. Skulpturen können nicht ohne Sprache. Oder besser gesagt: Skulpturen können zwar ohne Sprache, wir aber nicht. Wir müssen uns der Sprache bedienen, um mit Skulpturen vertrauter zu werden, um deren Unterschiede benennen zu können, um deren Ausarbeitung zu ergründen, um sie – teilweise – zu begreifen.

Betrachten bedeutet Arbeit. Oftmals gestaltet es sich sehr umfangreich. Um es auf sinnvolle Weise anzugehen, müssen zahlreiche Aspekte mit all ihren Folgerungen präzise benannt werden. Präzise benennen soll heißen: buchstäblich aufführen, was es wirklich zu sehen gibt, um sinnlose Spekulationen zu vermeiden. Letztendlich müssen dann alle Folgerungen zusammengeführt werden, um zu einem Beschluss gelangen zu können.

Beginnen wir mit dem Format. Cherubim ist sehr groß. Sehr groß soll heißen: größer als wir selbst. Wir schauen zu ihr auf und sie beeindruckt uns. Sofort fallen einige skulpturale Besonderheiten auf. Die Größe, die in der Bildhauerkunst normalerweise ein immenses Gewicht und Unerschütterlichkeit suggeriert, wird hier genau dadurch hervorgehoben, dass eben dieses Gewicht fehlt. Diese enorme Konstruktion steht nicht, sondern sie hängt – an einigen dünnen, nahezu unsichtbaren Fäden.

Die insgesamt vier Meter hohe Konstruktion, deren Durchmesser sich unten auf zwei Meter beläuft, besteht aus Ringen, die einzeln, untereinander, mit jeweils einem leeren Zwischenraum und in regelmäßigen Abständen zueinander am Oberteil – ein Kleid oder Leibchen – aufgehängt sind. Es ist ein gigantisches Kleid mit horizontalen Schlitzen. Das Kleid besteht aus Eisendraht, um den Papier gewickelt ist. Die Schlitze in diesem gigantischen Kleid lassen erkennen, dass die Form leer ist. In der Form des Kleides ist kein Cherub zu erkennen, und trotzdem behält das Kleid seine Form Vielleicht hat er (der Cherub, ein Engel) das Kleid gerade ausgezogen, oder er kommt es gleich abholen, oder aber er ist als Unsichtbarer im Kleid gegenwärtig. Ich selbst plädiere für Letzteres, da ich kaum Kleider kenne, die ihre Form behalten, wenn dass sich keine Trägerin darin befindet. Der Kleiderschrank meiner Ehefrau hängt voll mit platten Kleidern.

Ich weiß nicht, wie groß ein Cherub in Wirklichkeit ist, aber in Anbetracht dessen, was wir hier sehen, muss er schon eine beachtliche Größe haben. Der Überlieferung zufolge bewachten die Cherubim das Paradies – und dann mussten sie ja wohl aus gutem Hause kommen.

Christina von Bitter2Vorschlag 2014, Christina von Bitter, Papier

Groß, aber nicht massiv. Hohl, aber nicht leer. Hoch, aber nicht schwer. Komplett, aber nicht total. Das Betrachten des Formats hat schon sehr viel ausgelöst. Selbst die Konstruktion haben wir uns schon kurz angeschaut, doch hat sie allerdings zu keinerlei Schlussfolgerungen geführt. Christina hält sich diesbezüglich auch eher bedeckt, bis auf die Tatsache, dass sie ein Foto mit einem anderen Vorschlag mitgebracht hat. Ebenfalls ein Kleid aus Papier und Eisendraht, jetzt allerdings beinahe geschlossen – bis auf einen Schlitz an der Vorderseite – und mit kleinen viereckigen Fenstern, die in Reihen angeordnet sind. Was heißt das? Es ist ihr besonders wichtig, dass die Form leer ist! Ich kann mich des Gedankens nicht so recht erwehren, dass es trotz der leeren Formen um eine Art Gegenwärtigkeit geht. Die Präsenz von etwas (von jemandem, einem Engel), das nicht zu sehen ist, das aber ganz gewiss gegenwärtig ist und dessen Platz das Kleidungsstück eingenommen hat, das es (oder er oder sie) zu tragen gewohnt ist. Wie eine abnehmbare Haut, die kurz mal zur Seite gelegt worden ist.
Ein Kleidungsstück wie Haut, die ihre Form behält, obwohl sie zur Seite gelegt wurde. Die Haut als äußerste Schicht, als Oberhaut oder Epidermis, an der viel über das Wesen, das in dieser Haut steckt, abgelesen werden kann. Im Falle eines Kleides, wie es die beiden Vorschläge hier sind, liegt das Leibchen wie eine zweite Haut über dem Körper, während der angeheftete Rock sich frei um den Unterleib und die Beine bewegt. Der obere Teil hält fest und umschnürt, der untere Teil bietet Raum und Luft. Die Form des kompletten Kleides ist fraulich, obwohl Engel geschlechtslos sind. Der christlichen Tradition zufolge haben allerdings alle Engel ein Kleid an, mit einem Oberteil, das den Flügeln ausreichend Platz bietet.

Irgendwie gegenwärtig, dann aber auch wieder nicht. Der Raum reserviert für alle Fälle, der Platz einstweilen besetzt – und damit ist der Berechtigte, der sich eigentlich noch in der Zukunft befindet, jetzt bereits hier. Auch wenn diese Skulptur aus Episoden bestehen kann, so nimmt sie doch jetzt schon den gesamten Raum ein, der nötig sein wird, und trotz der Leere ihrer Erscheinung wird kein Mensch an deren Wichtigkeit zweifeln.

Das ist nun also das Betrachten. Sprache gebrauchen, die Schlussfolgerungen aus dem Benannten zieht. Sprache, die Möglichkeiten suggeriert, die es noch nicht gibt, die Vorstellungen formuliert, die der Wirklichkeit noch entzogen sind. Ohne Sprache würden wir diese Kleider nicht mit Engeln, mit Cherubinen oder miteinander verbinden. Geschweige denn mit uns, und mit unserer Präsenz in diesem paradiesischen Raum.

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