1.06.2014 von: Jeroen Damen

Ein kunterbunter Kittel hängt auf einem Kleiderbügel an der Wand. Daneben ein wendelförmiger Spazierstock aus Holz. Auf dem Boden zwei Schuhe mit aufgesetzten Hörnern, die sich vorne auf der Kappe befinden. „Nashornschuhe“ nannte Lie sie, obwohl sie mich mit den veränderten Schnürsenkeln und mit ihrem breit geschnittenen Maul mindestens genauso an Welse erinnerten – diese prähistorischen Fische, die überall in Europa vorkommen.

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Auch am Spazierstock wurde etwas verändert: Der Griff scheint nicht zu dem gedrehten Stock zu passen, der relativ elastisch aussieht. Wegen seiner Drehoptik könnte man annehmen, dass er aus dem Holz des Geißblattes besteht. Und dann dieser Kittel. Er hat ein Farbmuster, das eigentlich kein Muster ist, offensichtlich aber so präzise mit der Hand aufgetragen worden ist, sodass Farbareale entstehen, die an Abdrücke von mit Farbe beschmierten Händen erinnern. Lie bediente sich dabei eines speziellen Verfahrens, bei welchem sie einen echten Kittel eines Künstlers als Vorlage und Inspirationsquelle benutzte. Und so ist hier ein Ensemble entstanden, das dazu einlädt, sich anzukleiden und auf den Weg zu machen. Es könnte allerdings auch von jemandem zurückgelassen worden sein, der hier vor Kurzem erst angekommen ist. Und genau das ist es, was zählt: Der ursprüngliche Träger dieser Jacke, dieser Schuhe und dieses Stocks ist hier nicht anwesend, und wir, als Zuschauer, sind uns unmittelbar darüber im Klaren, dass jedes Innehalten und jeder Aufenthalt nur zeitweilig ist. Aber nicht nur das Vorübergehende dringt zu uns durch, auch die unverkennbare Eigenheit von Dingen, die jemand anderem gehören – nicht weil sie dessen Besitz sind, sondern weil sie Eigenschaften übernommen haben, die nicht übertragbar sind.

Brach man gerade, beim ersten Hinsehen, noch in unwillkürliches Gelächter aus, so wird man sich nun dem Ernst der Wahrheit bewusst, welche den Dingen innewohnt, der echten Wahrheit, die zum Vorschein kommt, wenn man Gebrauchsfunktion gegen wirklichen Charakter eintauscht. Dies scheint das zu sein, was die Künstlerin sucht und was sie zu einer echten Bildhauerin macht: die Erforschung der Wirklichkeit der Dinge, die vor allem dadurch auffindbar wird, dass man die Selbstverständlichkeit aus ihnen herauslöst. Das geht nur, indem man sie verändert, und zwar auf eine Art und Weise, bei welcher wichtige Bestandteile unangetastet bleiben, während mit ihren Akzenten herumexperimentiert werden darf. Es ergibt sich daraus eine leichtfüßige Installation, die ihr Bestes dafür gibt, schwermütige Weisheit zu verhüllen, uns jedoch allein lässt mit der beklemmenden Frage nach der ewigen Dualität des Seins, in der das „Hier und Jetzt" immer im Widerspruch zur Vergangenheit steht, und die Zukunft und unser eigenes Dasein zu der Leere, die ein anderer hinterlassen hat.

    über Lie van der Werff