25.04.2014 von: Jeroen Damen

Nachdem Elisabets und meine Wahl aus all ihren Werken auf „Painted Figure" gefallen war, mailte sie mir Folgendes:

„Die Skulptur ,Painted Figure' ist die erste aus einer Serie von Skulpturen, bei denen ich meine Gedanken zum Archetypus der Virgin-Martyr ausgearbeitet habe. Die bemalte Frauenfigur scheint in einem angespannten Zustand getroffen zu sein. Sie besteht aus vier losen Teilen, die miteinander verbunden sind, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit zu anderer Positionierung anzudeuten scheinen. Ihre Haltung löst auch in dem Maße Unbehagen aus, dass sie die Endlichkeit stark hervorhebt. Ich habe den Körper mehr auf eine Art und Weise konstruiert, als würde es sich hier um Sprache handeln: ein ,poetic stimulator', wie Bellmer es umschrieben hat. Das verschafft uns die Freiheit, die Grenzen des leidenden Körpers abzutasten, ohne dabei in Expressivität zu verfallen, sodass mittels einer einzelnen Figur das kollektive Bewusstsein berührt werden kann, wie es auch hinsichtlich des historischen Faktums einer Virgin-Martyr der Fall ist. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, und etwas, das ich in ,Girl with Sticks' und ,Virgin of Swords' weiter untersucht habe. Die Figur zu bemalen, war ein neuer Schritt für mich. Die Ausstellung ,La Bellezza del Sacro', die ich Ende 2004 in Arezzo gesehen habe und bei der bemalte Holzskulpturen der Frührenaissance zu sehen waren, hat mich diesbezüglich stark beeinflusst. Ich habe probiert, die Figur aus dieser Tradition heraus zu bemalen, in meinem Fall allerdings auf eine anmaßende Art und Weise, die dazu gedacht ist, das Unbehagen dieser Figur hervorzuheben." (Elisabet Stienstra 08-04-2014)

Es gibt ziemlich viele jungfräuliche Märtyrerinnen: Agnes, Apollonia, Katharina von Alexandrien, Cäcilia, Christina, Cunera von Rhenen, Dorothea, Lucia, Margareta von Antiochia, Ursula. Elisabet Stienstra lässt offen, an welcher sie sich orientiert hat: Sie spricht von einem Archetypus. Doch aber verweist ihr Gebrauch der englischen Sprache (virgin-martyr) vor allem auf ein Theaterstück über die Märtyrerin Dorothea von Cäsarea aus dem Jahre 1620. Sie war – der Legende nach – eine Adelsdame in der römischen Kultur des dritten Jahrhunderts nach Christus, die sich weigerte einen römischen Richter zu heiraten, da sie sich zum katholischen Glauben bekehrt hatte und sich bereits Jesus Christus versprochen hatte. Sie wurde daraufhin vom Richter bestraft, der sie in ein Fass mit kochendem Öl werfen ließ – was sie überlebte – und danach neun Tage ohne Essen und Trinken in den Kerker sperrte. Schließlich wurde ihr der Kopf abgeschlagen.

Die Geschichte zeigt auffallende Ähnlichkeiten mit dem Martyrium, dass der Heilige Georg auf sich nehmen musste, nachdem er die Königstochter, die er soeben vor dem Drachen gerettet hatte, zum katholischen Glauben bekehren konnte. In all diesen Geschichten werden die Märtyrer verschiedene Male getötet und wieder zum Leben erweckt, um die Macht zu zeigen, die Christus über Leben und Tod hat. In dieser Zeit wird das als die beste Art und Weise gesehen, um Zauderer an den wahren Glauben heranzuführen.

Übrigens wurde Dorothea in Deutschland stark verehrt, und im Jahre 1464 wurde im Bistum Köln – wozu auch Bredelar gehörte – eine Karmeliten-Bruderschaft der Heiligen Dorothea gegründet.

hans bellmer

Hans Bellmer, der surrealistische Bildhauer, den Elisabet nennt und der seine Bekanntheit dadurch erlangte, dass er Skulpturen von Frauenpuppen, bei denen oft auch noch die Gliedmaßen fehlen, in verzerrten Körperhaltungen darstellte, übersetzte seine Schrift ,Das Kugelgelenk' eigens als ,Notes au sujet de la jointure à boule' ins Französische. [Als ,Gedanken über das Kugelgelenk' würde ich es in etwa übersetzen.]

Dieses Kugelgelenk hatte mit seiner Faszination zu tun, die Puppen alle möglichen Haltungen annehmen zu lassen. Denn jede Haltung ruft im Zuschauer eine andere Emotion hervor. Bellmer nannte seine Experimente ,spielerisch' und sah sie ebenso als ein Spiel an.

In seinen ,Puppen' sehen wir, dass das Spiel des Kindes eine ganz andere Dimension bekommt, wenn das Kind erwachsen wird.

hans bellmers2

Elisabet schließt sich Bellmers Untersuchungen zur Wirkung verschiedener Haltungen an, weicht allerdings dort von Bellmer ab, wo sie in ihrem Text auf das Leiden des Körpers hinweist – und zwar Körper, die einwandfrei zur altkatholischen Atmosphäre der Märtyrerinnen gehören. Während es bei Bellmer um erotische Signale geht, welche die Puppe aussendet und welche der Wahrnehmende empfängt, so dreht sich bei Stienstra alles um die Fragen „Warum leiden?" und „Wie wirkt das Leiden am stärksten?".
Ihre „Puppe" liegt in der Tat in einem gewissen Zustand des Unbehagens am Boden und ist nicht dazu imstande, sich auf die Seite zu drehen oder gar umzudrehen, da sie keine Arme und keine Hände hat. Eine wahre Folter.

Houding

Das Detailfoto zeigt noch einmal die Hilflosigkeit der am Boden liegenden Figur. Und ich möchte hier nochmals auf etwas verweisen, das ich bereits erwähnt hatte: das „in die Skulptur hineingezogen werden". Man kann sich dem einfach nicht entziehen. Schon im Kindesalter, als wir uns mit unseren ersten Puppen bekannt machten, wurde uns beigebracht, dass eine Puppe ein Körper wie der unsrige ist, und dass man in ihm wohnen kann, so wie er auch in uns wohnen kann. Ob Mann oder Frau, jeder fühlt sich in die Lage dieser Puppe versetzt und ist sich ihrer Hilflosigkeit bewusst – ohne dabei helfen zu können. Denn zu unwiderruflich sind ihre Arme vom Torso entfernt worden, zu unerbittlich ist der Hals verdreht, da der Kopf wahrnehmen möchte, wer sich dort nähert. Hilflos unbehilflich ist jeder, der dieser Skulptur begegnet. Und genau das meint Elisabet mit dem „Berühren des kollektiven Bewusstseins".

madonna

Madonna in trono con Cristo bambino, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, anonym,
foto: Sharon Mllerus

Diese Madonna mit Kind war in der Ausstellung „La Bellezza del Sacro" in Arezzo zu sehen, die auch ich (Zufall?) gesehen habe. Es war wirklich eine beeindruckende Ausstellung. Dort zeigte sich, wie gewöhnlich es war, Skulpturen in der Zeit, die wir das Mittelalter nennen, mehrfarbig zu bemalen. Und genau wie bei Elisabet Stienstra (nicht bei Hans Bellmer) haben die Farben eine deutliche Verweisfunktion: Auf ihrer hellen Haut trägt Maria ein himmelblaues Unterkleid, und über diesem Unterkleid einen goldfarbenen Mantel. Auf ihrem blauen Brusthemd ist eine in Gold ziselierte Abbildung zu sehen. Vielleicht ein Lebensbaum, aber sicher kann ich das nicht sagen. Im Moment spielt das auch keine Rolle. Es ist für uns auch nicht mehr wichtig, dass das Christuskind unter seinem grünen Mantel ein goldfarbenes Hemd trägt, auf dem ein Kreuzmotiv in einem Quadrat zu sehen ist. Was allerdings wohl wichtig ist – und das sagt nicht nur Elisabet selbst, sondern sie zeigt es auch mit ihrer Skulptur –, ist die Tatsache, dass die Farben hier eine beruhigend bestätigende Harmonie ergeben, ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen „provokativ" anmaßenden Behandlung der „Painted Figure". Die Madonna ist unter ihren Farben und in ihrer Haltung vor allem geistig präsent. Die „Painted Figure" ist durch ihre Farben und in ihrer Haltung vor allem körperlich präsent. Leiden – sagt Stienstras Skulptur –, eine Folter erleiden, ist körperlicher Schmerz. Die Zukunft zu kennen – sagt die anonyme Skulptur aus der Frührenaissance –, dass du dein Kind zu Grabe tragen wirst, ist geistiges Leiden. Das kann man vorerst auch regungslos, sitzend ertragen.

Theresa

Die Verzückung der Heiligen Theresa, 1652, G. Bernini, Marmor und vergoldete Bronze,
Rom, St. Maria della Vittoria

Das Thema des Leidens scheint hauptsächlich ein Frauenthema zu sein – sowohl von dargestellten Frauen als auch von darstellenden Frauen. Man denke hier auch an Berninis Porträt über das Leiden der Heiligen Theresa. Dort geht das Leiden bereits in Verzückung über, und Verzückung bringt Genuss. Verzückung ist in der bildenden Kunst etwas zum Hinschauen. Sie ist kaum dazu imstande, den Zuschauer in die Skulptur hineinzuziehen. Hans Bellmers Puppen bleiben immer außerhalb unseres Körpers, auch wenn sie noch so eindringlich sind. Ebenso wie Berninis Figuren. Die „Painted Figure" allerdings saugt uns sozusagen ein. Von Bellmers Puppe, der Theresa und der Madonna in trono können wir uns verabschieden, nicht jedoch von Stienstras erstarrter Nackten. Die Puppe verliert ihre Kraft in genau dem Moment, in dem wir uns unserer Position als Voyeur bewusst werden, die Madonna in trono tritt ihren Platz an das Christuskind ab, und die Theresa ist vor allem sinnlich exaltiert. Wir können diese Skulpturen nicht betreten, aus dem einfachen Grunde, dass sie zu eindeutig erkennbar sind. Sie sind so sehr sie selbst, dass sie uns keinen Raum lassen. Die „Painted Figure" jedoch, mit ihrem hilflos brennenden Mund, mit ihren unschuldig roten Wangen und ihren vergeblich sexualisierenden Brustwarzen, kriecht sich windend in unseren Körper, während wir wiederum unaufhaltsam in sie hineingezwängt werden. Die Skulptur ist zu uns geworden, wir sind die Skulptur. Jetzt werden wir endlich wissen, was Leiden wirklich bedeutet.

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