23.01.2014 von: Jeroen Damen

Kurator Jeroen Damen trifft die deutsche Bildhauerin Petra Morenzi in ihrem Atelier und spricht mit ihr über Identität, Gedächtnis und Erinnerung.

Zwei Köpfe hängen hier an der Wand – hohle Köpfe. Sie sind aus dekorativen Stoffstücken gemacht, zerschnitten und aufgetrennt, übereinander gelegt, geknetet, gefaltet, aufgebauscht zu einer Kopfform und anschließend in Bronze gegossen. Die menschliche Form bleibt erhalten, die Haut ist entmenschlicht, maskiert und trügerisch weich, ist sie doch aus steinhart patinierter Bronze. Das sind die Köpfe, die ich in Bredelar aufhängen möchte. 'Barock' nennt Petra diese Oberfläche; ein Wort, dass in unserem Ateliergespräch des Öfteren vorkommt.

Petra Morenzi ateliertafel 1An diesem Tisch erzählt Petra auf Hochdeutsch über ihr Werk und darüber, womit sie sich momentan beschäftigt. Da ist immer noch das Zwillings-Thema und immer noch ihre Vorliebe für uralte, echte Bildhauermaterialien. Auch die Faszination für die Vermischung von Jetzt und Damals ist geblieben. Je länger sie jedoch spricht, desto deutlicher werde ich in eine andere Thematik eingetaucht. Eine Reise über ihren Tisch, vorbei an Fotos früherer Werke, vorbei an Köpfen, vorbei an einer ehrenvollen Einladung für eine geplante Ausstellung ins Museum für Asiatische Kunst in Berlin.

Zu einer klitzekleinen Stadt in der Nähe des Klosters Schöntal, zu einer verlassenen, überwucherten Steingrube, zu Erinnerungen, die ganz unvermittelt aufblitzen, kurz da sind und dann wieder verschwinden. Hierfür muss echt eine Form gesucht werden. Hierfür werden aus dieser Steingrube Steine mitgenommen. Bis dass daheim, im Atelier, der Zweifel zuschlägt, 'weil es mit den Erinnerungen gar nicht so einfach ist'.

Petra Morenzi ateliertafel 2

Inzwischen führt ihr melodiöses Deutsch mich mit nach Berlin, zu Arbeitsplätzen voller ‚Profis', zur Kunstfabrik am Flutgraben, zu Khmer-Fürst Jayavarman VII. in die Staatlichen Museen und zu Naturstein als das Bildhauermaterial par excellence. Und während der ganzen Zeit warten, mit aller gebotener Geduld und ohne dass ich es merke, zwei Marmorbrocken auf dem anderen Ateliertisch vor dem Fenster.

Petra Morenzi sculptuur herinneringen

Sie nimmt mich mit dorthin, und ich fotografiere sie von oben. 'Barock' sind die Falten, so sagt sie, weil Falten einfach barock sein müssen, gerade dann, wenn sie, so wie hier, Pakete sind, die Erinnerungen beherbergen. Falten und Umschläge verhüllen nämlich; sie verhüllen die wirklichen Erinnerungen, sie verdecken das, was wirklich passiert ist. Sie verweisen nicht darauf, an was man sich genau erinnert, sie verweisen vielmehr darauf, dass man sich erinnert. „Es ist auch gar nicht so einfach, aus diesen alten Materialien etwas Neues zu machen", sagt sie, „weil halt schon so viel daran haftet."

Ich bin überzeugt. Hat denn nicht alles, was wir demnächst in diesem Kloster tun werden, die gesamte Ausstellung, damit zu tun, an was wir uns erinnern? Nicht so sehr mit Erinnerungen, die wir vor uns sehen, wie ein Film oder ein Foto, sondern vor allem mit dem Gefühl, dass wir uns an etwas erinnern? Etwas, das nicht völlig eindeutig ist, etwas Gemeinschaftliches, etwas, das wir aus unserer Vorgeschichte mit uns tragen, etwas, das für jeden von uns gilt, egal ob deutsch, niederländisch oder beides? Etwas in dem, was uns echt zu Menschen macht: unser Gedächtnis?

Petra verspricht mir noch einige Fotos. Das Projekt ist noch lange nicht beendet. Ein großer Teil der Arbeit wird in Bredelar zum ersten Mal zu sehen sein. Als Ergänzung zum Thema 'Unter dem Schutz der Haut hat die Zukunft bereits begonnen', denn Zukunft kann es ohne Erinnerungen nicht geben.

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