11.06.2014 von: Jeroen Damen

Ein äußerst reizendes Modell, dieses Kleid, das an Eisendraht aufgehängt ist. Man sieht, wie die Form der Kontur des Körpers folgt. Aber da stimmt was nicht: Es fehlt ein Unterkleid, man kann quer hindurchsehen. Und dann ist es auch sofort kein Kleid mehr. Es ist jetzt ein Kleidungsstück, das von seiner Trägerin im Stich gelassen wurde oder auf ihre Rückkehr wartet. Aber da kann es lange warten, weil es äußerst unwahrscheinlich ist, dass es eine Frau gibt, die dieses hier anziehen würde. Und wenn sie es anzuziehen versuchen würde, würde sie die schmerzhafte Erfahrung machen, dass die Kabelbinder sowohl nach außen als auch nach innen stechen wie übergroße, spitze Dornen. Auf dem Detailfoto ist das gut zu erkennen.

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Dies ist also ein Dornenkleid. Und jetzt, da wir das festgestellt haben, hinterlässt es hier im Nonnenkloster einen bitteren Beigeschmack. Die Skulptur wird zu einem buchstäblichen Sinnbild für den Ehebund zwischen dem Träger der Dornenkrone und der gläubigen Frau, die sich Ihm in ihrer Liebe hingibt. Sie versteht ganz genau, für welches Schicksal sie sich entscheidet, wenn sie diesen Habit anzieht. Und zugleich kriegt das Kleid etwas Zeitloses: Hat sie es erst einmal angezogen, werden sie die Dornen immerzu stechen und sie an ihr selbst gewähltes Schicksal erinnern.

Dieses Kleid steht auch in einem Verhältnis zu Antje Ottos Torso, welcher völlig nackt ist und dem „claustrum“ des Klosters auf diese Weise besonderen Nachdruck verleiht. Landfrieds Kleid ist als eine Art Gefängnis aufzufassen, ebenfalls als ein Verweis auf das „claustrum“ und zugleich – in der Form einer zweiten Haut – auf die Haut selbst.

Aber ist diese Skulptur denn speziell für dieses Kloster hier entwickelt worden? Nein, das nicht. Dennoch reiht sie sich hier gut in die Thematik ein und verleiht – wie es bei Ausstellungen immer der Fall ist – ihrem Aufstellungsort eine zusätzliche Bedeutung. Und wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Entscheidung, einem Klosterorden beizutreten, eine gesellschaftliche Entscheidung war und ist.

Der Künstlerin, Gabriele Landfried, zufolge gibt es aber noch viel mehr zu erzählen. In ihrem Gesamtwerk finden sich noch mehr dieser „Dornengewänder“. Nicht alle davon sind so dezent gehalten wie das hier oben, welches doch sehr stark an ein Abendkleid erinnert. Es gibt auch frivolere, wie z. B. das Kleid unten mit den roten Kabelbindern. Es scheint kein Entkommen für die Frau zu geben. Wie auch immer sie sich herausputzen möchte, überall sind diese gemeinen Stachel. Bei diesem Entwurf, der im Gegensatz zum dezenten Abendkleid mehr an „Dirty Dancing“ erinnert, scheint der unausgesprochene Gedanke zu sein, dass schön zu sein immer auch Leid bedeutet und gleichzeitig auch immer Leid beim anderen verursacht, der die Annäherung sucht. Versuchung ist eines der Themen, die hier sichtbar gemacht werden. Die Farbkombinationen und Modelle, das silberglänzende Aluminium, das von glänzendem Kunststoff zusammengehalten wird, das transparente Design – Glamour ist hier der Kernbegriff. Glamour, der sich stets an der Oberfläche befindet.

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Kleidskulptur (Design) 2014

Damit haben wir das Terrain der Bildenden Kunst bereits lange hinter uns gelassen. Es geht bei diesen Werken wirklich nicht bloß um die Frage, ob das Kunstwerk schön, oder ob das Kleidungsstück tragbar ist. Es ist viel mehr als das: Diese Kleidungsstücke bestreiten die Tragbarkeit mit Nachdruck. Sie verweisen auf ein gesellschaftliches und politisches Element: die Rolle der Frau. Man erwartet hier von der Frau, dass sie sich in herausfordernde, gleichzeitig aber auch unzugängliche Kleider hüllen soll, welche ironischerweise aus einer ihrer wichtigsten Küchenutensilien und dem Material, das die Rolle der Frau bestätigt, bestehen: Alufolie. So ist die Frau in doppelter Hinsicht – als Verführerin und als Küchenfee – in der ihr auferlegten Rollenerwartung gefangen. Dass das schmerzhaft sein kann, wird wohl jeder von uns wissen.