11.06.2014 von: Jeroen Damen

Vielleicht sieht es ein bisschen aus wie eine Garnele. Wobei der Kopf, so es denn überhaupt einer ist, eher an eine Giraffe oder eine Art Pferd erinnert. Das hat auch mit den zwei wackeligen Vorderbeinen zu tun, so sie es denn sind, da Giraffen nun einmal vorne kürzere Beine haben als hinten. Sie stehen sowieso etwas schräger auf ihren Beinen als Pferde, und dies hier liegt sogar rücklings und ganz bequem auf seinem Stuhl.

Würde Immanuel Kant, deutscher Philosoph aus dem 18. Jahrhundert, dies lesen, würde er wahrscheinlich rufen: Ja, ja, ja, da habt ihr's wieder! Und er würde sich ins Fäustchen lachen, weil ich nicht aufschreibe, was ich da sehe – denn dafür habe ich keine Worte –, sondern weil ich aufschreibe, woran mich diese Skulptur erinnert – an Dinge, für die ich durchaus Worte habe: Giraffe, Pferd, Kopf, Beine. Er beschrieb dies bereits in seiner „Kritik der reinen Vernunft“: Man sieht die Dinge nicht wirklich, so wie sie sind, sondern vielmehr so, wie sie einem vorkommen. Wenn ich noch nie eine Giraffe gesehen hätte, würde diese Skulptur nicht das Wort Giraffe in mir hervorrufen. Ich kann darin nur etwas sehen, was ich vorher schon einmal irgendwo anders gesehen habe, oder etwas, von dem ich mir vorstellen kann, dass es ungefähr so aussehen könnte. Kant würde sagen: „Das Ding an sich ist ein Unbekanntes.“ Das Ding an sich, dasjenige, was es selbst wirklich ist, kann ich nicht kennen. Ich kann maximal etwas wiedererkennen, dem es ähnelt.

Stellen wir uns mal kurz vor, dass Maartje Korstanje, die Bildhauerin dieser Arbeit, eine absolute Kennerin von Wanzen ist. (Natürlich kann ich nicht sicher sagen, ob sie das wirklich ist.) Und stellen wir uns einmal vor, dass sie sich die Mühe gemacht hat, den bedächtigen Heteropterus Elephans (Elefantenwanze – gibt es wahrscheinlich gar nicht) so exakt wie möglich zu imitieren. Selbst dann sagt mir dieses Ding hier noch nichts, da ich noch nie einen echten H. Elephans gesehen habe.

Was bleibt uns dann also, uns Skulpturtouristen? Genug, keine Sorge, genug. Wir können unsere Wahrnehmung dieser Skulptur erleben. Nicht unser Gehirn, mit seiner Kenntnis aller Kategorien und Unterkategorien, die Wanzen betreffen, ist wichtig, sondern unser Gefühl. Das weiß Maartje auch. Höchstwahrscheinlich hat sie hier keine echte Wanze nachgemacht, sondern ein Ding, das bei mir ein Wanzengefühl hervorruft. Oder ein Garnelengefühl. Oder den Geschmackssinn eines leckeren, gut durchgebackenen Mandelplätzchens. Oder ein Mix aus alledem. Sogar das Wort „gemächlich“ kam mir in den Sinn. Nicht einfach so aus dem Nichts, sondern hervorgerufen durch etwas in dieser Skulptur.

Aber diese Skulptur ist nicht gemächlich, ist kein Mandelplätzchen, kein Pferd, keine Giraffe oder Garnele. Ich kann sie als „Ding“ wahrnehmen. Ich kann dieses Ding sehen, anfassen, riechen, wenn es Gerüche abgibt, und hören, wenn es Geräusche macht. Ich kann es als ein voll und ganz neues Ding in meinem Leben erleben. Und ich kann mit Ihnen darüber reden. Für Sie ist es vielleicht auch ein völlig neues Ding

- Was ist denn dein Eindruck davon?
- Ich weiß nicht, sicher ist es moderne Kunst, und davon hab ich nicht so viel Ahnung.
- Oh, also muss man es gar nicht begreifen können?
- Nein. Ich glaube, dass es genügt, wenn man darin überhaupt etwas sieht.
- Tja, aber was ist dann die Bedeutung?

Kant wäre da sicher keinesfalls mit seiner Weisheit am Ende. Er würde vier fundamentale Thesen formulieren:
1. das Geschmacksurteil ist uneigennützig
2. das Geschmacksurteil ist ohne Verständnis
3. Schönheit hat etwas mit äußerer Form zu tun, zweckmäßig ohne Zweck
4. jeder findet das Ding schön, es gibt ein notwendiges Wohlgefallen

Schaut man sich diese „Skulptur ohne Titel“ von Maartje Korstanje genauer an und setzt man sich mal für einen Moment in aller Ruhe neben sie, dann stimmt das alles.

- Sie muss überhaupt nichts sein.
- Man kann sie nicht einmal begreifen.
- Und doch kann man sie schön finden.
- Genau wie jeder andere. Das ist doch genug?

Das ist Bildhauerkunst. Sie ist sich selbst genug. Einfach weil es sie gibt. Ein Ding an sich. Genießen Sie es!

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