23.01.2014 von: Jeroen Damen

Robin Kolleman kehrt mit ihren Skulpturen unser Innerstes nach außen. Was wir in unserem tiefsten Inneren fühlen, wird gnadenlos an der Oberfläche gezeigt. Kurator Jeroen Damen trifft sie in ihrem Atelier in Rotterdam.

„Oh sicher, es geht ums Landen, aber auch ums Fliegen, ums Aufsteigen, um Wünsche und Träume, um Ikarus und Unmöglichkeiten, um das, was man innerlich fühlt und wo unser Körper uns begrenzt. Mal regiert die Hoffnungslosigkeit, mal der Wunsch zu entfliehen."
„Wir sind vielfache Menschen mit vielen Persönlichkeiten in uns selbst. Nicht jedem offenbaren wir all diese Persönlichkeiten. Manche sind einer ausgewählten Gruppe vorbehalten, andere nur einem einzigen Menschen in unserem Kreis, und wieder andere zeigen wir nie."
So sprechen wir, Robin und ich, in ihrem Atelier, ausgehend von den Skulpturen, die sie für Bredelar unseren Stühlen gegenüber aufgestellt hat. Und während wir so sprechen, entgeht den Skulpturen nicht ein einziges Wort dessen, was wir sagen, und ihre Anwesenheit färbt sich auf unser Gespräch ab. So verläuft das Gespräch in ihrem Atelier nicht auf der Basis einer zunächst disziplinierten Beschreibung dessen, was wir wahrnehmen – worauf ich als Kunsthistoriker geschult bin –, sondern unmittelbar, peng, krach, bumm, vom hervorgerufenen Gedanken zu gedachter Übereinstimmung. Ich fühle mich ehrfurchtslos.

robin kolleman2Der Tod der Aphrodite, Robin Kolleman,
mixed media, Lebensgroß H. = ca. 220 cm

Neben der Skulptur der nackten, gefesselten Frauenfigur – die Arme gebogen wie Flügel, Federn an den Fingerspitzen, Vogelfüße aus Händen, Ketten um Hals und Brust, Stahlseile, an denen sie schwebt, die ihr den Aufstieg jedoch zugleich verwehren –, neben dieser Skulptur balanciert eine sexy Schönheit mit streng gestreckten Füßen in Spitzenschuhen auf einem Stein. Der Unterleib ist in ein Unterkleid aus Spitze gehüllt, Strümpfe und Schuhe, der Oberkörper ist entblößt. In ihrem Nabel glänzt eine Perle. Ihre Arme sind in Abwehrhaltung, hoch über ihrem Gesicht gekreuzt. Es ist aber deutlich zu sehen, dass der Hals in einen leeren Schädel übergeht, nackter als der Körper, schauerlich. Die verschränkten Arme sind mit Kabelbindern aneinander festgebunden. Warum hat die eine Skulptur ein hohläugiges, skelettartiges Gesicht in einem halb transparenten Schleier verborgen und die andere einen ausgehöhlten Schädel? „Du brauchst nur auf deinen eigenen Schädel zu achten", sagt Robin, „ob du es willst oder nicht, der Tod ist immer bei dir. Das muss nicht unbedingt bedrückend sein, und auch nicht immer nachdrücklich präsent, bei diesen Skulpturen aber fragte ich mich: Wie bekomme ich den Tod dort hinein, ohne dass bereits der ganze Körper stirbt?"

Und dann erzählt sie darüber, wie es bei ihr funktioniert: die Fertigung solcher Skulpturen, das Zurechtsägen der Modellpuppen, das Verändern von Haltungen, die Neuzusammensetzung von Körperteilen, das Verkleistern von Nähten, das Anbringen von Polyesterhaut, das Aufscheuern von Farben. Ein langwieriges Ausarbeiten von tausenden Handlungen und Entscheidungen. Alles auf so unergründliche Weise eingearbeitet, dass ich es nicht einmal begreife. Mit einer unwahrscheinlichen Präzision und einer perfektionistischen Detailliertheit, die den anderen Epochen der Bildhauerkunst, in denen das 'Wie gemacht' genauso wichtig war wie das 'Was es darstellt', in nichts nachsteht.

Robin kehrt mit den aktuellsten und populärsten Mitteln unser Innerstes nach außen. Was wir in unserem tiefsten Inneren fühlen, wird gnadenlos an der Oberfläche gezeigt. Wir werden dazu überredet, diese Skulpturen als Träger von Emotionen zu lesen, die wir lange nicht immer anerkennen wollen. Das Zusammensein der Skulpturen, die Konfrontation miteinander und mit uns selbst, konkretisiert mögliche Bedeutungen und verstärkt diese. Und in diesem Sinne gehören sie auch zu Bredelar, wo sie eine Verbindung mit den Klosterfrauen von einst eingehen, mit ihrem Geist und ihren Ängsten, mit all der Menschlichkeit, die jemals im Innersten des Klosters präsent war und jetzt nach außen tritt – in einer beinahe unendlichen Assoziationskette, denn wer die Skulptur liest, der liest zugleich sich selbst und wir sind unzählig.

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