16.06.2014 von: Jeroen Damen

In unserer Ausstellung eine der wenigen nicht-figurativen Skulpturen. Dr. Arie Hartog schreibt über ihn: „Ausgangspunkt für die große Skulptur ‚Land' ist die wellenförmige Horizontlinie eines Gebirgszuges, welche mit gebogenem Stahl realisiert wird. Aus einer derartigen Form, wie man sie ursprünglich in der Natur vorfindet, entsteht eine durchsichtige und transparente Struktur, die Raum umschließt." Eine bündige Zusammenfassung dessen, was man dort sieht, und zudem eine äußerst wichtige Anmerkung: dass diese nicht-figurative Skulptur durchaus auf einer „figurativen" Erfahrung gründet.

LandLand, (2009), Axel Anklam, 300 x 210 x110 cm, Edelstahl, Privatsammlung Künstler 

Die äußere Form, die ein Verweis auf die Landschaft ist, war nicht der einzige Grund für die Wahl dieser Skulptur. Denn innerhalb des Zusammenhangs einer Ausstellung gewinnt jede Skulptur neue Bedeutungen hinzu. Die gewählten Werkstoffe und auch die Art und Weise, auf sie Verwendung finden, war bei unserer Wahl mindestens genauso wichtig. Durch ihre Transparenz wird die Form zweifellos ein wenig ihrer Form beraubt. Transparenz hebt die Rolle des Lichts hervor, welches nicht nur auf oder gegen die Skulptur fällt, sondern an einigen Stellen auch durch sie hindurch. Dadurch entsteht ein Unterschied zwischen „Konstruktion" (die Stellen, an denen das Licht auf undurchlässige Rohre stößt) und „Raum" (die Stellen, an denen das Licht wie durch einen Schleier gefiltert wird). Die Schleier aus rostfreiem Stahl, die zwischen den Rohren befestigt wurden, lassen das Licht diffus werden, wodurch es sich von der kontrastarmen Galeriewand dahinter unterscheidet, und auch von der Nicht-Sichtbarkeit des Raums. Das heißt, dass in dem Raum, in dem wir uns befinden, ein neuer Raum entsteht, ein Raum der teils durch die Konstruktion bestimmt wird und teils durch das gefilterte Licht, welches mit dem Raum um die Skulptur herum in Wechselwirkung tritt.

Man könnte den Begriff Schleier von dem Wort Haut distanzieren, was ja nicht dasselbe ist, da ein Schleier immer mehr oder weniger durchsichtig ist, eine Haut jedoch nicht. Dabei fällt der Voile wie ein Schleier über den Kopf und vor das Gesicht, wohingegen die Haut geschlossene Materie ist, die die Konstruktion – den Kopf und das Skelett – bedeckt. In dieser Skulptur treten Schleier und Haut gleichzeitig auf, sind sie doch transparent und materiell, ohne das darunter befindliche Skelett zu verhüllen.

Axel Anklam macht folglich aus zwei der wichtigsten Charakteristika der Bildhauerkunst, der Oberfläche und der räumlichen Wirkung, ein Thema. Um das gut erkennen zu können, müssen wir um die Skulptur herumgehen und so immer wieder neue Räume entdecken, die wegen ihrer durchschimmernden Überlappungen immer wieder verwirrend sind. Indem wir uns fortwährend bewegen, bekommen wir also stets neue Einblicke, die ebenfalls in einem verwirrenden Verhältnis stehen. Gleichzeitig wird unser eigener Körper, mit seiner undurchsichtigen Haut, als ein begrenzter Raum fühlbar, der im umgebenden Raum durchaus präsent sein kann, nicht jedoch in der Skulptur selbst. Die Wechselwirkung zwischen Außen und Innen und die Unmöglichkeit eines gleichzeitigen Zugangs zu beidem wird durch die unbefangene Verspieltheit des Lichts betont.

Das Wort Kloster stammt vom lateinischen „claustrum" ab, was „geschlossener Raum" bedeutet. In dieser Klosterumgebung liegt die Betonung, zusätzlich zum willentlichen Tragen des Schleiers, mit dem die Frau sich bis zur Unkenntlichkeit bedeckt, während sie selbst allerdings die Sicht auf die Welt um sie herum behält, auf der Räumlichkeit der Form. (Schwestern christlicher Ordensgemeinschaften tragen zwar einen Habit, aber keinen Schleier.) Man erkennt Räume an einer visuellen Abgrenzung aus Wänden und Mauern, oder so wie hier, an der transparenten Trennung zwischen Innen- und Außenraum. So betrachtet ist die Skulptur ein Sinnbild für die transparente Haut und für den geschlossenen Raum des Klosters, der mit allem, was sich außerhalb befindet eine Wechselwirkung eingeht. Der Filter arbeitet natürlich in beide Richtungen. Dass die Skulptur aus Stahl besteht und an die spätere industrielle Nutzung des Klosters erinnert ist vielleicht reiner Zufall.

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